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Performance

 
SEXTON - RATS LIVE ON NO EVIL STAR
Münster, Theater im Pumpenhaus, 2003
Dramatisches Feature
zur Slideshow
Foto: Ralf Emmerich

 

Konzept und Skript:
Regie:
Video:
Musikalische Leitung:
MusikerInnen und
SchauspielerInnen:

Fotografien:
Anna Stern / Manfred Kerklau
Manfred Kerklau
Stefan Hollekamp
Tara Bouman (NL)
Tara Bouman, Jan Klare, Stefan Froleyks, Beate Reker,
Gabriele Brüning, Anna Stern, Andreas Ladwig

Ralf Emmerich
 
rats live on no evil star - über das Stück:

Der Titel ist Anne Sextons Lieblingspalindrom. Gleichzeitig ist dieser Satz ihr dichterisches Programm: das Dunkle, Schlechte, Wahnsinnige und Zerstörerische in sich selbst, die "Ratte", in etwas Helles, Leuchtendes, Klares und Schönes, in einen “Stern” zu verwandeln.
Wie entsteht das Bild eines Menschen, einer Frau und Künstlerin aus der 'Persona' eines Gedichtes, aus Interviews, Zeitzeugenberichten, Briefen... Ist es überhaupt möglich und sinnvoll, von der Kunstfigur auf die reale Figur zu schließen? Ziel war, ein Suchbild aus einer Vielzahl von Fragen und Aussagen zu entwickeln. Die “Antwort” wächst im Verlauf des Stückes wie ein Mosaik im Kopf der Zuhörer/Zuschauer.
Dramatisches Feature:

Im journalistischen Bereich ist ein Feature eine sehr subjektiv gehaltene Reportage. Es benutzt authentisches Material, um eine Interpretation der Realität zu liefern. Das Ergebnis ist nicht reine Fiktion, aber auch nicht objektiv an der Realität überprüfbar. Das hier vorgestellte dramatische Feature legt ein Hauptgewicht auf Handlungscharakter und Life-Situation der Vermittlung. Die subjektive Sicht auf die Künstlerin Anne Sexton ergibt sich durch die Textauswahl.
Umsetzung:

Ausgangspunkt war eine intensive Materialrecherche. Aus Briefen, Biographieaus-schnitten und Anne Sextons poetischen Texten wurde ein "Stück" destilliert. Roter Faden in dieser Collage sind sieben ihrer Gedichte und eines ihrer Märchen. Gedichte und Märchen wurden so angeordnet, dass sie wichtige Stationen ihres Lebens beleuchten und den Rahmen für eine locker gefasste Chronologie bilden. Entstanden ist ein Projekt, das die Trennung der verschiedenen Kunstsparten aufgibt. Stattdessen verschmelzen Schauspiel, Peformance, Projektion und Musik zu einem komplexen audiovisuellen Organismus.
Schauspiel:

Zwei Schauspielerinen (Beate Reker und Gabriele Brüning) und eine Performerin (Anna Stern) verkörpern zentrale und durchaus gegesätzliche Charakterzüge von Anne Sexton: reflektierend, kreativ, entgrenzt, kokett, berechnend, emotional... Die drei weiblichen Gesichter gerieren ein inneres Bild, ähnlich dem einer multiplen Persönlichkeit - ein Kaleidoskop aus Tochter, Mutter, Dichterin, Performance-Künstlerin, Manisch-Depressiver, Ehe- und Hausfrau, Lyrik-Professorin, Liebhaberin. Ein Schauspieler (Andreas Ladwig) gibt die Außensicht, schlüpft in unterschiedlichste männliche Rollen: Arzt, Freund(e), Liebhaber, Ehemann, Kritiker.
Projektion/Performance

Sprech- und Handlungsorte werden durch Lichtführung und bühnenbildnerische Elemente ausgewiesen, die einen vielschichtig interpretierbaren aufgebrochenen Raum auf der Bühne bilden. Die transparenten Elemente sind gleichzeitig Projektionsflächen für Videosequenzen, die zum einen vorproduziert wurden, zum anderen durch Einsatz einer Life-Kamera und eines Videobeamers während des Stückes entstehen. Die Performerin bedient dabei die Kamera und filmt Ergebnisse ihrer Handlungen. Gemorphte Portraits Anne Sextons (Stefan Hollekamp) setzen den visuellen Rahmen der Projektionen, assoziative Bilder zu Schlüsselthemen ihres Lebens füllen ihn. Gleichzeitig bewegen sich die zwei Schauspielerinnen in den Projektionen, sind lebendiger Teil der entstehenden Bilder.
Ton/Musik:

Die starke Musikalität von Anne Sextons Gedichten, ihr Songcharakter fordern nicht nur den Vortrag einiger Gedichte in der amerikanisch/englischen Originalversion, sondern auch den Einsatz von Life-Musik. Tara Bouman (Klarinette) und Stephan Froleyks (Flötenmaschine, Messertisch), professionelle Musiker aus dem experimentell/improvisierenden Bereich, haben eine eigenwillige und atmosphärisch dichte musikalische Übersetzung von Anne Sextons Werk entwickelt. In einer Wiederaufnahme spielte Jan Klare (Trompete) mit Stephan Froleyks.
Die SchauspielerInnen/ die Performerin arbeiten "musikalisch" mit den ausgewählten Texten und Gedichten: chorisches und rhythmisches Sprechen, Gegeneinander- und Übereinandersprechen etc. Dabei mischen sich auch englische und deutsche Versionen der Gedichte immer wieder neu zu reizvollen Sprachkompositionen.
Alle Beteiligten auf der Bühne nutzen Headsets und Mikrophone, der Tontechniker mischt daraus life einen mehrdimensionalen Gesamtklang. Die Stimmen und Töne entziehen sich so einer direkten Zuordnung, das ganze Stück wird zu einem intimen Hörerlebnis im Kopf. Das ermöglichen vor allem die Headsets, denn auch sehr leises Sprechen bis hin zum Flüstern bleibt präsent.
zur Dichterin Anne Sexton:

Die amerikanische Dichterin Anne Sexton zählt zu den prominentesten Vertretern der "confessional poets". Ihr Hauptwerk aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ist im deutschsprachigen Raum immer noch ein Geheimtip.
Geboren 1928 in Newton, Mass. lebte sie zunächst das klassische Klischee der Mittelschichts-Hausfrau, bis sie im Alter von 28 Jahren nach einem psychotischen Schub auf Anraten ihres Therapeuten Lyrik zu schreiben begann. Sie erhielt bedeutende Literaturauszeichnungen, darunter den Pulitzer-Preis. Am 4. Oktober 1974 nahm sie sich das Leben.
Die deutsche Übersetzung ihres Werkes ist in einer vierbändigen Werkedition ab 1996 bei S. Fischer erschienen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb dazu:"Anne Sextons schonungsloser Rückgriff auf autobiographisches Material, das heißt auf tabuisierte Themen wie psychiatrische Probleme und existentielle weibliche Lebenserfahrungen, geben ihrer Dichtung trotz hoher formaler Komposition und assoziativer Überhöhung eine Aura der Authentizität und machten die Autorin zur Identifikations- und Kultfigur." Der Tagesspiegel bezeichnet die Gedichte dieses "heimlichen Beatniks" als "funkelnde Sprachgebilde ersten Ranges".
Vieles fasziniert an Anne Sexton heute noch und wirft umfassendere Fragen auf, mit denen sich das hier beschriebene dramatische Feature auseinandersetzt: Fragen nach dem Bild der Frau in der Gesellschaft, nach der Unvereinbarkeit von Karriere und Muttersein, nach der Funktion von psychischer Krankheit in Gesellschaft und Kultur. Hat sie - wie erschreckend viele Leidensgenos-sinnen in der Kunst - trotz oder wegen ihrer psychischen Störung Hervorragendes geschaffen? War der gesellschaftliche Druck des zu erfüllenden Frau- und Mutter-Ideals so hoch, dass nur die Flucht in die Krankheit die Möglichkeit für sie barg, schöpferisch tätig sein zu können? Anne Sexton fesselt durch ihre Vielschichtigkeit, sie war nicht nur Opfer, sondern auch geschickte Managerin ihrer selbst und perfekte Manipulatorin ihrer Freunde und Bekannten. Sie schuf Arbeiten von hohem literarischem Rang und überzeugender Authentizität. Kaum eine Dichterin, kaum ein Dichter ihrer Zeit war in Amerika so populär wie sie, oder, wie es ein Zeitgenosse formulierte: "Ich lese keine Gedichte, aber ich lese Anne Sexton."
Es existieren einige künstlerische Arbeiten, die ihr Werk auch in anderen Medien dem Publikum zugänglich machen: Hörbücher von Hannelore Elsner und Corinna Harfouch, eine Choreographie des Nostos-Tanztheaters, die Oper “Transformations” des amerikanischen Komponisten Conrad Susa aus den 70er Jahren und Werke von Komponisten Neuer Musik, wie z.B. "Sexton A" von Helmut Oehring.
Bisher wurde der assoziationsgeladene Stoff allerdings noch nicht in eine Bühnenversion gebracht. Dabei gibt Sexton dazu durchaus Ansporn, sei es durch ihr Theaterstück "Mercy Street", das am Off-Broadway in New York aufgeführt wurde, sei es durch die musikalischen Performances ihrer Band "Anne Sexton and Her Kind", in denen sie ihre Gedichte zu Rockmusik als Sprechgesänge vortrug.
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