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Installation

 
SPEICHER
Münster, Stadtmuseum, 2001
audiovisuelle Installation
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Foto: Anna Stern
Über das Projekt:

Gebrauchsgegenstände sind Zeugen der intimen Gewohnheiten ihrer Besitzer, Zeugen von Ritualen, die vielleicht noch nicht einmal die engsten Freunde kennen. Das Innenleben von Dingen, die wir täglich benutzen, ohne sie in Frage zu stellen, wird in dieser Installation hörbar gemacht.
Diese Gebrauchsgegenstände sind Ausdruck der manchmal geliebten, meist gehassten Routine, der ein jeder unterworfen ist, Strandgut am Rande einer dahinflutenden Zeit mit immer schneller wechselnden Moden und Designs. Sie verkörpern Geschichte, verknüpfen private und Zeitgeschichte.
Die Installation gibt Dingen eine Stimme, entführt den Hörer und Betrachter in eine animistische Welt, in der nicht nur Lebewesen, sondern auch „tote“ Objekte Seele und Sprache haben. Hörprobe unter Sound - Klang & Sprache
Dinge gehören Menschen, sie definieren sich selbst durch ihre Besitzer. Die Besitzerin der Dinge wird nur im Kopf des Hörers und Betrachters, in seiner Phantasie sichtbar. Aus den Fragmenten der Monologe von Sessel, Lampe, Mantel, Koffer etc. setzt sich langsam ein Mensch zusammen, ein Wirklichkeitsmosaik entsteht, das Bild einer alten alleinstehenden Frau, die die Gegenstände offensichtlich zurückgelassen hat. Sie sind - wie die fiktive Persönlichkeit der Besitzerin selbst - Randexistenzen, vom Verschwinden bedroht.
Eingebettet in den Komplex "Verschwinden, Vergessen, Erinnenr" ist der Subtext des zweiten Weltkriegs. Subtile Passagen machen deutlich, daß die alte Frau diesen Krieg miterlebt hat. In ihrer persönlichen Geschichte, ihren Gewohnheiten und Alpträumen zeigt sich ein Abdruck der Zeitgeschichte. Jetzt verstauben die Zeugen ihrer Erinnerungen als Plunder auf dem Speicher, sind gleichzeitig selbst Speicher von Erinnerungen. Sie erleben alle Handlungen, die mit ihnen, auf ihnen, an ihnen vollzogen wurden, noch einmal und immer wieder.
Der Besucher betritt einen dunklen Raum, eine magische Traumwelt der leisen Stimmen, farbigen Lichter und Gegenstände, die aus ihrem üblichen Zusammenhang gerissen eine neue Ordnung bilden. Sie haben ihre Position und ihr Äußeres verändert, manche schweben in der Luft, den Gesetzen der Schwerkraft enthoben, manche sind subtil verändert (das Portrait eines Soldaten auf einem Frühstücksbrettchen, die schwarze Single anstelle des Messers in der Brotschneide-Maschine etc.) Die Wände sind mit schwarzem Stoff abgehängt. Die Gegenstände stehen oder hängen an Nylonfäden, von farbigen Spots angestrahlt.
Gleichzeitig sind jeweils vier Stimmen mit vier Texten zu hören, meine Stimme wird die Stimme des Koffers, die des Sessels, die der Lampe...
Drei stammen direkt aus den jeweiligen Gegenständen, in die Autoreverse-Discmen mit externen Boxen integriert wurden, so daß sie als eigene Schallquellen fungieren (Koffer, Sessel und Lampe). Die vierte Stimme mit den Texten der übrigen Objekte ist über CD und Standboxen als Stereo-Raumklang hörbar.
So überlagern sich die Monologe der einzelnen Gegenstände zu einem Chor, der immer wieder neue Sinnzusammenhänge entstehen läßt. Je nachdem, welche Texte gleichzeitig hörbar sind, scheinen die Gegenstände einander zu antworten...
 
Textbeispiele:
Lampe
Wenn sie gut gelaunt ist, putzt sie mich.
Mit einem weichen Staubtuch.
Langsam und vorsichtig. So wie ich es mag.
Sie sieht mich nicht an dabei.
Sie sieht irgendwo hin.
Ihre Finger. Kleine Finger, die mehr sehen als ihre Augen.
Sie hält mich mit der Linken. Der Zeigefinger der Rechten ist eingehüllt in das Staubtuch, das die anderen Finger gespannt halten. Er folgt von oben nach unten dem Tal einer Falte. Nach fünf Falten rutscht die linke Hand oben ein bischen weiter.
So umrundet sie mich.
Sie sitzt manchmal lange unter mir. Ohne mich einzuschalten. Sie liest nicht. Sieht nicht fern. Sitzt einfach nur da. Im Dunkeln. Staub in meinen Falten. Irgendwann knipst sie mich doch an. Eine Birne brennt durch. Sie hat die kaputte Birne nicht ersetzt.
Sessel
Dinge bewegen sich nicht freiwillig.
Das ist der Unterschied.
Sie schiebt mich in die Sonne. Das ist eine andere Wärme.
Meine Fasern saugen sie auf. Leuchten. Zeigen ihre wahre Farbe.
Ich genieße ihren Geruch. Ihr Gewicht.
Ich schäme mich. Abgewetzt. Durchgesessen.
Sicher macht sie deshalb so selten Licht.
Wenn sie allein ist, zieht sie die Füße hoch beim Sitzen.
Manchmal ist sie ganz leicht. So, als wolle sie jeden Moment wieder aufstehen. Ich fühle ihr Gewicht kaum.
Manchmal ist sie schwer. So schwer, wie die Frau davor.
Ihre Sitzknochen bohren sich in mich, ihre Finger graben sich in den Stoff meiner Armlehnen. Meine Federn ächzen.
Ich weiß nicht mehr, wo sie anfängt. Wo ich aufhöre.
Ihre Haut ist mein Bezug, mein Stoff ihre Hülle.
Sie bewegt sich nicht mehr freiwillig.
Sie wird nicht mehr aufstehen.
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