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Installation

 
SOLVETUR AMBULANDO
Telgte, UniKunstTage, 1999
Installation im öffentlichen Raum
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Foto: Anna Stern
Über das Projekt:
 
Es wird im Gehen gelöst: 19 Schilder säumen an 19 Laternenpfählen angebracht die „Konsummeile“ des kleinen Wallfahrts-Ortes Telgte im Münsterland. Die entstehenden Linien bilden ein T-Kreuz, dessen Senkrechte zur Wallfahrtskapelle zeigt. Aus alten Fürbittenbüchern der Kapelle wurden Pilgerwünsche abgeschrieben, hochkopiert und in unterschiedlichen „individuellen“ Handschriften in schwarz auf weiße Schilder aufgebracht: Ein beunruhigender Querschnitt durch ein magisch-materielles Religionsverständnis.
Ein eigener Weg entstand, und nur beim Gehen, beim Abwandern aller Schilder wurde das gesamte Spektrum erfahrbar. Die Bitten aus dem religiös-kirchlichen Raum gelangten so wieder in den weltlichen Raum, aus dem sie - inhaltlich gesehen - stammen, denn nur eine einzige Bitte, die eines Kindes, befasste sich direkt mit einer transzendenten Fragestellung. Jede Bitte steht gleichwertig neben der anderen, drückt ihr eigenes „Kreuz“ mit der Welt aus. Die Bitten stellen den LeserInnen Fragen auf unterschiedlichen Ebenen, sind auch Spiegel der Entfremdung untereinander und der Instrumentalisierung von Religion.
Wirkungen:

Die Arbeit hat in Telgte für erheblichen Wirbel gesorgt, Probst und Kulturamtsleiter, die die Idee genehmigt und unterstützt hatten, wurden mitunter persönlich beschimpft. Kernpunkte der Kritik: Solche Bitten dürften den kirchlichen Raum nicht verlassen und die Arbeit sei nicht als künstlerische Arbeit erkennbar gewesen und verwirre so die Betrachter. Es entstand eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit, in deren Verlauf ich vom Vikar zu einem Gesprächsabend im Telgter Pfarrzentrum eingeladen wurde. Die Diskussion verlief kontrovers und anregend. Es fanden sich viele, die die Arbeit nach anfänglicher Ablehnung inzwischen befürworten und selbst als aufrüttelnden Anstoß empfunden haben.
(Zitat Kirchengemeindemitglied: "Also, inzwischen würde einfach etwas fehlen, wenn die Schilder nicht mehr hängen")
Ein Schild mußte auf Drängen des Probstes abgehängt werden. Es zitierte einen Schreiber, der dazu aufruft, keine Götzen mehr anzubeten. Da er die Statue der Maria, die in der Gnadenkapelle angebetet wird, als solchen begreift, plädiert er in den Fürbittenbüchern mehrfach für die Verbrennung der Figur und beruft sich dabei auf die Bibel. Ein anderes Schild wurde von einem Geschäftsinhaber mit einem Plakat der Krippenausstellung überklebt.
Schilderaufschriften – Auswahl:

Liebe Mutter Maria, mach’ dass ich meine Scheckkarte wiederfinde
Liebe Mutter Gottes, hilf’ mir von der Droge loszukommen
Dass meine Eltern wieder miteinander reden!
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