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Installation

 
JEDES NEUE GESICHT
Münster, Iduna-Hochhaus, 1999
Installation im halb-öffentlichen Raum
zur Slideshow
Foto: Andreas Brenne
Über das Projekt:
 
Das Signal-Iduna-Hochhaus wurde 1960/61 gebaut und war das erste „Hochhaus“ im Zentrum Münsters. Inzwischen steht es unter Denkmalschutz. Zur Zeit der Installation waren in dem Bürogebäude mehrere Institutionen untergebracht, darunter in den obersten Etagen die Iduna-Versicherung, in den unteren Etagen das Wohnungsamt der Stadt Münster. Das hatte zur Folge, dass die edel in Marmor renovierten Aufzüge von ganz unterschieldicher Klientel genutzt wurden, vom Versicherungsdirektor bis zum Obdachlosen.
An sieben aufeinanderfolgenden Tagen installierte ich sechs verschiedene Texte sowie eine abschließende Erklärung an den Wänden der Aufzüge. Die Aktion war mit den Chefs der Versicherung abgesprochen, blieb ansonsten aber bewusst unangekündigt. Am letzten Tag verbrachte ich sieben Stunden in einem der Aufzüge und befragte alle Mitfahrenden, ob sie die Texte in den letzten Tagen gelesen hätten und was sie darüber dächten (siehe unten).
Die Texte entstammen einem Interview, das Djuna Barnes 1913 mit einem irischstämmigen Fahrstuhlführer in einem New Yorker Hochhaus machte. Sie wurden von mir in Bleisatz handgesetzt und auf Bütten gedruckt.
Texte:

„Und jetzt, wenn`s recht ist, komme ich wieder auf meine Arbeit als Fahrstuhlführer zu sprechen. Tja, ich schaffe immerhin viertausend Menschen täglich hinauf, jede Minute eine Ladung. Multiplizieren Sie das, und dann sehen Sie, wie viele Menschen ich im Jahr befördere; die fahren alle rauf. Das Problem dabei ist, daß ich sie auch alle wieder runterbringen muß...“
„Jedes neue Gesicht - und davon gibt`s im Laufe eines Tages eine Menge - stellt mich vor ein neues Problem, und so habe ich gar keine Gelegenheit, müde zu werden. Der Tag ist um, ehe ich mich`s versehe, einfach nur dadurch, daß ich mich für meinesgleichen interessiere...“
„Sie kämen bestimmt nicht auf die Idee, daß ich viel Zeit im Leben damit verbracht habe, mir hübsche Namen auszudenken wie Daisy, Rose und Morning Glory, um die Mädchen anzureden, wenn sie Aufmunterung brauchten, die armen Mädchen, die über den Schreibmaschinen sitzen oder wie die Tauben in den dunklen Ecken dieses Gebäudes umherflattern und nach Luft lechzen. Nicht, daß sie nicht auch glücklich wären, doch ich glaube, die möchten manchmal an die Felder erinnert werden, und wenn sich dann einer die Mühe macht, sie Blumen zu nennen, dann sind sie auch welche...“
„Statt nun die ganze Zeit von meinem Beruf zu reden, möchte ich gern ein Wort zu meinen Überzeugungen sagen. Meine unerschütterlichste betrifft den Selbstmord. Es gibt nur eine Weise, ihn zu begehen - und zwar, indem man allein bleibt...“
„Ich bekam die Stelle als Fahrstuhlführer, nachdem ich das große Los gezogen hatte und alles Geld losgeworden war, das ich auf der Bank hatte. Ich habe sechzehn Jahre lang den Fahrstuhl im Rathaus bedient, und die Art von Fahrstühlen sind die reinsten Streichholzschachteln, doch habe ich trotzdem kein einziges Mal jemanden verletzt. Da gab es nicht den kleinsten Kratzer am Finger, nicht mal ein Entrinnen um Haaresbreite, um das Ganze ein bißchen lebendiger zu gestalten. Unter meiner Bedienung blieb die Gondel nüchtern, was ja auch der einzig rätliche Zustand ist...“
„Vielleicht denken Sie ja, wenn man den ganzen Tag in einem Käfig steckt, hätte man am Ende nur Gitterstäbe und Gefängnisse im Kopf, aber die Wahrheit ist, ich bin so sehr daran gewöhnt, daß das ist, als führe man im Federbett; ich bin so zufrieden, als säße ich zu Hause in meinem alten Schaukelstuhl und träumte mit der Pfeife im Mund vom alten Irland...“
Kommentare der FahrstuhlbenutzerInnen:

"Also, den Text mit dem Selbstmord, das fand ich Blödsinn, ich lebe seit 30 Jahren allein und komme gut klar! Wirklich!"
"Jedes neue Gesicht, ja, das trifft hier wirklich zu, habe ich gedacht, seit das Wohnungsamt hier eingezogen ist, kenn’ ich keinen mehr im Fahrstuhl, alles neue Gesichter, und mit denen muss man erst mal klar kommen."
"Das mit dem Käfig, da merkt man, der hat schon mal gesessen, wa? Der spricht aus Erfahrung!"
"Das war wie früher beim Adventskalender, Türchen aufmachen. Wenn ich morgens in den Fahrstuhl bin, hab’ ich mich schon drauf gefreut und mich gefragt, was für ein Text wohl heute da steht."
Die Kommentare überraschten mich: Die, die die Texte gelesen hatten – und das waren beileibe nicht alle Befragten –, hatten versucht, sich irgendwie ihren eigenen Sinn daraus zu bauen. Denn eine Orientierung wurde ja nicht migeliefert: Unbekannt war der Sprecher, der hier zitiert wurde, der Kontext und auch, wer diese Texte installiert hatte. Auf dieses „Rätsel“ reagierten die Fahrstuhlfahrer sehr unterschiedlich, von agressiv bis gerührt, von betroffen bis amüsiert, je nachdem, in welche persönliche Stimmung oder Erfahrung Fragmente des Textes wie ein Schlüssel passten.
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